Aktuelles / Juli 2019

Lingen

„Wir brauchen eine europäische Internetplattform!“

Die gute Nachricht kommt zuerst: die Digitalisierung ist eher eine große Chance als eine große Gefahr für die Demokratie. Darin waren sich Sabine Frank, Ursula Nothelle-Wildfeuer, Oliver Eckert und Michael Brendel einig, als sie jetzt im Ludwig-Windhorst-Haus in Lingen mit Moderator Ludger Abeln über die Frage diskutierten, ob die Digitalisierung die Demokratie aus den Angeln hebt.

Allerdings formulierten die vier Fachleute verschiedene "Aber". Oliver Eckert ist Chef der Firma BurdaForward, zu der unter anderem das Nachrichtenprotal Focus Online und das Technologieportal chip.de gehören. Eckert ging gleich zu Beginn der Diskussion auf Konfrontationskurs zu Sabine Frank, die bei Google Deutschland den Bereich Regulierung und Verbraucher-und Jugendschutz leitet.  Der Vorwurf: "Der analoge Journalismus stirbt aus und der digitale Journalismus kann nicht neu entstehen." Das liege an Google und den anderen großen Technologieplattformen wie Facebook und Amazon. "Google beherrscht die komplette Wertschöpfungskette. Die Werbeeinnahmen gehen weg von den Zeitungen in zu Google und Co." Sabine Frank wies diesen Vorwurf zurück, da Google gar nicht im Publishing, also der Veröffentlichung von Nachrichten aktiv sei.

Sie beschrieb eine andere Gefahr, die mit Hetze und Hassrede im Internet zu tun hat: "Viele dieser Kommentare passieren mit Klarnamen. Wir haben das große Problem, dass es nicht gelingt, die strafrechtlich relevanten Inhalte auch strafrechtlich zu verfolgen."  Damit wolle sie die Verantwortung von Google und anderen Internetplattformen nicht verleugnen: "wir müssen diese Inhalte sicher schneller löschen, aber es gibt auch eine Verantwortung des Staates mit der Strafverfolgung!" Frank reagierte mit diesem Hinweis auf eine Äußerung von Ursula Nothelle-Wildfeuer, die Professorin für christliche Gesellschaftslehre an der Universität Freiburg ist. "Der Tabubruch im Netz ist offenkundig leichter geworden. Man sagt im Netz Dinge sehr viel leichter, die man im analogen Gespräch so nicht sagen würde." Als Beispiel nannte Nothelle-Wildfeuer den Umgang mit jüdischen Mitbürger: "Was man da an Äußerungen findet, hätte man vor wenigen Jahren gerade in Deutschland niemals gelesen." Auf diese Gefahr hatte zuvor auch der Blogger Michael Brendel hingewiesen: "Die Radikalisierung im Netz ist gefährlich. Anders als noch vor wenigen Jahren ist die Gesprächsbereitschaft nicht mehr da. Das kann sogar zu Gewalt führen."

"Menschlichen Gesellschaft".

Auf Ludger Abelns Frage, ob der Journalismus durch Plattformen und Suchmaschinen so ausgehöhlt wird, dass er Informationen nicht mehr einordnen könne, reagierte Oliver Eckert sehr grundsätzlich: "Das Datenzeitalter kann Gesellschaft und Politik zerstören. Das hat mit der völligen Intransparenz der Plattformen zu tun." Eckert weiter: "Am Ende des Tages sind wir abhängig von amerikanischen Plattformbetreibern." Daher forderte er ein digitales Ökosystem, das aus Europa stammt: "Wir sollten uns weder amerikanischen noch chinesischen Konzernen ausliefern!"

Ein gefährliches Problem ist für Michael Brendel, dass Google oder Facebook dem Internetnutzer nur Infos lieferten, die seine eigene Meinung verstärken.

Dazu stellte Sabine Frank klar: "Die Google-Suchmaschine ist nicht personalisiert!" Das sei auch logisch, weil es bei der Suche um die Information gehe, die der jeweilige Nutzer haben will. "Es ist dabei völlig egal, was Ihre Freunde oder Ihre Nachbarn gemacht haben. Das ist eine völlig andere Logik als in sozialen Netzwerken"

Natürlich durfte in der Diskussion auch  der Hinweis auf den YouTube-Star Rezo nicht fehlen, der mit seinem Video "Die Zerstörung der CDU" im Mai bundesweites Aufsehen erregt hatte. "Man hat seitens der Politik nicht ernst genommen, dass da ein junger Mann seine Meinung geäußert hat, noch dazu fundiert. Das ist aber das, was wir in der Demokratie brauchen: dass jemand seine Meinung sagt und noch dazu warum," unterstrich Brendel leidenschaftlich. Seine Diagnose, die die Zustimmung der anderen Diskussionsteilnehmer fand: "Die analoge Öffentlichkeit kann mit dieser ganz neuen Art politischer Beteiligung nicht umgehen!"

Am Ende der Diskussion stand die Frage von Ludger Abeln, ob die Demokratie noch zu retten sei. "Ja! Wir müssen uns darüber vergewissern, wie wir zukünftig leben wollen! Das kann zu einem positiven Ergebnis kommen", resümierte die Theologin Ursula Nothelle-Wildfeuer.

Damit schlug sie den Bogen zum Thema der Veranstaltung, zu der die Podiumsdiskussion gehört. "Menschliche Gesellschaft 4.0 - (christliche) Positionen zum digitalen Wandel" hatten der Caritasverband für die Diözese Osnabrück, das Ludwig-Windthorst-Haus und der Bund katholischer Unternehmer den Fachtag überschrieben, zu dem 2 Tage lang rund 100 Teilnehmer nach Lingen gekommen waren. Zusammen mit teils international renommierten Fachleuten wie dem Soziologen Harald Welzer, dem Theologen Magnus Striet, der Ethikerin Janina Loh, dem Unternehmer Andreas Paschke, der Wissenschaftlerin Bettina-Johanna Krings, dem Pflegefachmann Martin Schnellhammer,  dem Informatiker Joachim Hertzberg und dem Altenhilfeexperten Hanno Heil diskutierten sie, wie der digitale Wandel so zu gestalten ist, dass er den Menschen gerecht wird.