Interview / Juli 2015

Osnabrück

„Schon kleine Gesten zeigen große Wirkung“

Therese AniolBerät Ehrenamtliche: Therese Aniol, Freiwilligenmanagement Schwerpunkt Flüchtlingshilfe beim Caritasverband für die Stadt und den Landkreis Osnabrück.

Sie sind 1988 als Aussiedlerin von Polen nach Deutschland gekommen. Haben Sie sich willkommen gefühlt?

Auf jeden Fall! Ich habe schnell eine Wohnung gefunden in einem Viertel, wo bereits viele Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Polen lebten. Die Kirchengemeinde hat uns eingeladen, die Stadt Osnabrück bei Willkommenstreffen Freude ausgedrückt, dass sich so viele junge Familien nun hier ansiedelten. Das hat mir Kraft und Mut gegeben für mein neues Leben und war eine gute Basis, auch mit negativen Erlebnissen zurechtzukommen. Und natürlich war ich als Deutschstämmige eine privilegierte Migrantin - allein von den rechtlichen Bedingungen.

Was waren das für negative Erlebnisse?

Es gab Situationen, die zu Irritationen geführt haben: So wurde ich etwa gefragt, ob Frauen in Polen überhaupt ein Gymnasium besuchen und studieren dürften.

Was kann der einzelne mit kleinen Schritten tun, um zu helfen?

Ein Lächeln ist eine kleine Geste mit großer Wirkung. Das signalisiert: Herzlich willkommen!, und hilft, sich in der Fremde angenommen zu fühlen. Am Anfang kann man das Viertel zeigen, die Geschäfte - vor allem mit Lebensmitteln aus ihrem Kulturkreis - oder die Nutzung der Büchereien erklären. Genauso das Bus- und Bahnsystem, das verstehen viele Flüchtlinge gar nicht. Ich rate dazu, für sie Tickets zu besorgen. Mobilität ist wichtig.

Wie Kontakt zu Flüchtlingen finden?

Am besten über die Kirchengemeinde oder die Caritas-Freiwilligen- und Migrationsdienste. Diese haben einen guten Überblick über Helferkreise und Projekte vor Ort.

Worauf ist bei der Begleitung besonders zu achten?

Sich auf Augenhöhe zu begegnen. Flüchtlinge brauchen in vieler Hinsicht Hilfe, sind aber dennoch verantwortlich für ihr Leben. Vor jeder Hilfsaktion gilt es, einander kennenzulernen und die tatsächlichen Bedürfnisse zu entdecken. Kontakte mit Menschen aus fremden Kulturen sollten behutsam geknüpft werden. Flüchtlinge brauchen niemanden, der allesfür sie regelt. Sie brauchen Unterstützung, um ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe.

Gibt es Themen, bei denen man zurückhaltend sein sollte?

Man kann über alles sprechen, sollte Flüchtlingen aber nicht das Gefühl geben, sie auszuhorchen. Sensibilität ist angezeigt bei Fragen nach der Flucht. Dahinter können traumatische Erfahrungen stehen. Wenn es um unterschiedlichen Glauben geht, ermuntere ich dazu, Interesse zu zeigen an der anderen Religion. Warum nicht gemeinsam eine Moschee besuchen oder eine christliche Kirche? Einen guten Leitspruch finde ich: Behandle jeden so, wie du behandelt werden möchtest.

Interview: © Heike Sieg-Hövelmann