Aktuelles / April 2018

Berlin/Osnabrück

„Menschen, nicht Flüchtlinge“

Newcomers - 021 - Internet DSC_6722Nach der Niedersachsen-Premiere steht das Team des Films „newcomers“ auf der Bühne des Osnabrücker Cinema Arthouses. Regisseur Maan Mouslli (links), Produzentin Sara Höweler (4. von rechts), Caritasvertreter Günter Sandfort (2. von rechts) und weitere Gäste hatten zuvor mit Ludger Abeln (rechts) über die Entstehungsgeschichte des Films diskutiert. Foto: Caritas/ Roland Knillmann

Wenn wir die newcomers integrieren wollen, müssen wir unsere Haltung zu ihnen verändern!" Mit diesem Herzensanliegen hat der syrische Regisseur Maan Mouslli den faszinierenden Dokumentarfilm "newcomers" gedreht, der jetzt im Osnabrücker Cinema Arthouse seine Niedersachsen-Premiere feierte.

Nach der Premiere erläuterten Mouslli, Produzentin Sara Höweler, der stellvertretende Caritasdirektor Günter Sandfort und weitere Gesprächspartner in der Diskussion mit Moderator Ludger Abeln das Anliegen des Films und seine Geschichte.

"Nicht auf Flucht reduzieren"

Zuvor hatten rund 200 Premierengäste berührende und beeindruckende 60 Minuten erlebt. Mouslli lässt in seinem Film 29 Menschen zu Wort kommen. Die Protagonisten stammen aus vielen verschiedenen Ländern und haben sehr unterschiedliche Biografien. Alle haben eines gemeinsam: Sie haben Flucht oder Vertreibung erlebt und mussten in neuer Umgebung Fuß fassen.

"Wir wollen die Menschen aber nicht auf ihre Flucht reduzieren, denn sie wollen als Menschen, nicht als Flüchtlinge wahrgenommen werden," erklärte Sara Höweler den etwas ungewohnten Begriff "newcomers". Mouslli ergänzte: "Wir sind als Menschen hier, wir wollen die Gesellschaft, in der wir jetzt leben, mitgestalten."

Mehr als 400 Stunden Filmmaterial

Für den Film hat das Produktionsteam mehr als 100 Geflüchtete interviewt. Das Ergebnis sind mehr als 400 Stunden Filmmaterial, das auf rund eine Stunde reduziert werden musste. "Das war eine sehr schwierige Arbeit und wir möchten nicht, dass die restlichen 399 Stunden verloren gehen," unterstrich Regisseur Mouslli. Das Material soll nach und nach auf der Internetseite des Films veröffentlicht werden.

Nach der Uraufführung in Berlin und der Premiere in Osnabrück wird der Film weiterhin im Cinema Arthouse gezeigt. Zudem soll er in Kürze deutschlandweit in Programmkinos präsentiert werden. "Wir planen zudem, ihn bundesweit weiterführenden Schulen zur Verfügung zu stellen. Dafür wird auch Begleitmaterial entwickelt", ergänzt Sara Höweler.

Wie hat das Team die Interviewpartner gefunden? Das weiß Arezao Naiby, die recherchiert hat und einen Teil der Interviews führte: "Wir haben manche der Personen direkt angesprochen und den Aufruf auch über facebook und Internetcommunities verbreitet." Die Resonanz, so die Journalistin, sei sehr gut gewesen.

Maan Mouslli erzählt weiter, dass die meisten der Gesprächsparnter ihre Geschichte zum ersten Mal erzählt haben: "Für sie war es wie eine Befreiung. Es ist sehr wichtig, den Menschen einfach zuzuhören."

Kritik an Kürzungsdebatte

Unterstützt wurde die Produktion durch den Osnabrücker Exil-Verein e.V. und den Caritasverband für die Diözese Osnabrück e.V. "Wir bieten nicht nur Beratung für Geflüchtete, sondern wollen auch Solidarität mit den newcomers stiften," antwortete Günter Sandfort auf die Frage von Abeln, weshalb sich der Caritasverband für diesen Film engagiere.

Sandfort betonte, dass die Integrationsarbeit nicht in ein oder zwei Jahren erledigt ist: "Hier geht es nicht um einen Sprint, sondern um einen Marathon. Deswegen ist die Diskussion auf Landesebene, die Mittel für die Flüchtlingssozialarbeit zu kürzen, hochproblematisch."

Auch Karin Heinrich, Leiterin des Fachbereichs Integration, Soziales und Bürgerengagement der Stadt Osnabrück, bestätigt, dass Integration ein Langzeitthema ist. Die Stadt Osnabrück hat deshalb ein Konzept verabschiedet, das sehr vielfältige Handlungsbereiche und Projekte beschreibt. "Eines der Hauptthemen ist bezahlbarer Wohnraum", betonte Heinrich.

Uraufführung in Berlin

Vor der Osnabrücker Premiere hatten bereits rund 100 Gäste die Uraufführung des Films in Berlin besucht. Dort stand auch Eva Welskop-Deffaa aus dem Vorstand des Deutschen Caritasverbandes als Gesprächspartnerin auf der Bühne. "Ich bin beeindruckt, dass der Osnabrücker Caritasverband diesen Film unterstützt, denn von der Caritas erwartet man normalerweise, dass sie anpackt und hilft und nicht, dass sie Filme auf den Weg bringt. Dieser Film hilft, Verständnis zu wecken." Welskop-Deffaa unterstrich besonders, dass die deutschen Gesprächspartner*innen im Film eine besondere Bedeutung habe, da dadurch die kulturelle Zuschreibung, dass Flucht etwas mit bestimmten Nationen zu tun habe, viel schwieriger werde. 

Weitere Informationen und Hintergrundmaterial zum Film bietet die Internetseite www.newcomers-film.de

Das Cinema Arthouse zeigt "newcomers" noch am 9., 15. und 16. April.